Video: Mehr als 80.000 Menschen hatten sich beim großen Aktionstag von IG Metall und IGBCE bundesweit für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen starkgemacht.
Jetzt muss die Politik liefern!
Den ersten Schritt hat die Politik getan: Im Bundestag hat sich eine Zweidrittel-Mehrheit für ein 500 Milliarden schweres Sondervermögen gefunden, das es der neuen Regierung ermöglicht, in die dringend notwendige Modernisierung der Infrastruktur zu investieren. Mehr als 80.000 Menschen hatten sich zuvor beim großen Aktionstag von IG Metall und IGBCE bundesweit für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen starkgemacht. Damit das klappt, müssen jetzt die richtigen Weichen gestellt werden.
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Die Zukunft der Industrie im Blick: Mehr als 80.000 Beschäftigte von IGBCE und IG Metall sind bundesweit beim Aktionstag Mitte März auf die Straße gegangen.
Foto: Anna-Kristina Bauer
Die zentralen Forderungen der IGBCE an die neue Regierung sind klar und übersichtlich. Sie sind so auf den Punkt gebracht, dass sie sogar auf den berühmt-berüchtigten Bierdeckel passen, den der designierte künftige Bundeskanzler Friedrich Merz vor mehr als zwanzig Jahren für eine Steuererklärung vorsah. Die Forderungen in Kurzform lauten: Industriejobs sichern, Energiepreise senken, Schuldenbremse reformieren, Investitionen anschieben und Beschäftigte entlasten. Dieser kleine Katalog ist keineswegs brandneu: Schon in der vergangenen Legislaturperiode hat die IGBCE immer wieder auf eine Reform der Schuldenbremse, dringend notwendige Investitionen und eine Senkung der Energiepreise gepocht, damit sichere und gut bezahlte Industriearbeitsplätze auch weiterhin eine Zukunft in Deutschland haben.
Nun steht – nachdem auch der Bundesrat in seiner Sitzung am 21. März zugestimmt hat – immerhin ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen zur Verfügung, das den finanziellen Spielraum erheblich erweitert. Union und SPD müssen sich jetzt in den Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung allerdings darauf fokussieren, die richtigen Wege zu beschreiten und sich nicht zu verzetteln.
Denn es ist buchstäblich „fünf vor zwölf“ für den Industriestandort Deutschland und vor allem die energieintensiven Branchen der IGBCE, in vielen Unternehmen regieren Kostenkeule und Kapazitätsabbau, Anlagen und ganze Standorte schließen. Ein immenser Schaden für die gesamte industrielle Wertschöpfungskette und damit den deutschen Wohlstandsmotor droht.

Druck aus Köln: Mehr als 23.000 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter kamen zur Deutzer Werft.
Foto: Leo Kölzer
Aus Sicht der Industriebeschäftigten in den IGBCE-Branchen braucht es:
- Mehr Respekt für unsere Arbeit! Die Politik muss verstehen, dass Millionen gut bezahlte, tariflich abgesicherte Jobs auf dem Spiel stehen. Ohne Industrie kann Deutschland einpacken, der Turnaround gehört ganz oben auf die Agenda.
- Mehr Investitionen in unsere Zukunft! Der Umbau unserer Industrien erfordert Finanzmittel in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro – in neue Technologien, bessere Prozesse, klimaschonende Produktion. Der Staat muss diesen Wandel aktiv fördern – und er muss schnell die Energieinfrastruktur von morgen bauen.
- Mehr Sicherheit für unsere Zukunft! Staatliche Förderung darf es nur gegen Garantien für Standorte und Beschäftigte geben – und für Unternehmen, die sich an Tarifverträge halten.
- Energieentlastungen für Haushalte und Industrie! Unsere Branchen brauchen gewaltige Mengen an Energie, die klimaneutral und günstig werden soll. Bislang ist nichts von beidem der Fall – das kann so nicht bleiben! Der Staat muss für Entlastung sorgen.
- Finanzierung fair verteilen! Der Standortumbau ist eine Jahrhundertaufgabe – die finanziert man nicht aus dem laufenden Haushalt. Unternehmen nicht und auch der Staat nicht. Neben der Reform der Schuldenbremse ist eine sozial gerechte Lastenverteilung notwendig. Superreiche sollen deswegen eine einmalige Vermögensabgabe für Infrastrukturausgaben zahlen.

Foto: Kai-Uwe Knoth

Foto: Suna Aydin
Foto: Anna-Kristina Bauer
Fünf Städte – eine Botschaft: Bei den Demonstrationen am Aktionstag sendeten rund 10.000 IGBCElerinnen und IGBCEler ein lautstarkes Zeichen an die künftige Bundesregierung. Für zukunftssichere Arbeitsplätze in der Industrie, für eine Modernisierung des Industriestandorts Deutschland und für eine faire Kostenverteilung.
Mit dem bundesweiten Aktionstag Mitte März haben die Industriegewerkschaften den Druck auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen hoch gehalten. Mehr als 80.000 Beschäftigte aus den Branchen der beiden Gewerkschaften sind in fünf Städten auf die Straße gegangen, um für die Zukunft ihrer Industriejobs zu kämpfen. Aus den IGBCE-Branchen waren knapp 10.000 Frauen und Männer dabei, um Seite an Seite mit der Schwestergewerkschaft IG Metall zu demonstrieren.
Aus der ganzen Republik reisten Zehntausende Beschäftigte mit Hunderten Bussen zu den Veranstaltungen in Hannover, Köln, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart, um sich an dem Aktionstag unter dem Motto „Mein Arbeitsplatz. Unser Industrieland. Unsere Zukunft!“ zu beteiligen. Zur symbolischen Uhrzeit um fünf vor zwölf zählten die Demonstrierenden in den fünf Städten den Countdown zum Start der Kundgebungen herunter, machten ohrenbetäubenden Lärm mit Tröten und Trompeten, mit Trillerpfeifen und Rasseln.
Der lautstarke Radau war volle Absicht: Die Beschäftigten wollten damit ein klar vernehmbares Zeichen in Richtung Bundespolitik senden, wie wichtig es jetzt ist, die Industrie – Deutschlands wichtigsten Wohlstandsgaranten – wieder auf Kurs zu bringen, den Abbau von Industriejobs zu stoppen und massiv in die Modernisierung des Standorts D zu investieren. Um die Demonstrierenden in den fünf Städten immer wieder miteinander zu vernetzen, gab es zahlreiche Schaltungen zwischen den Veranstaltungen, unter anderem wurde eine La-Ola-Welle von Standort zu Standort geschickt.
Zu der zentralen Veranstaltung in Hannover, bei der die IG-Metall-Chefin Christiane Benner und der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis sprachen, kamen knapp 10.000 Menschen in die Herrenhäuser Gärten. In Frankfurt am Main und Leipzig versammelten sich jeweils 12.000 Demonstrierende, in Köln waren es 23.000 und in Stuttgart 25.000. Hunderte Busse und viele Sonderzüge waren bundesweit im Einsatz.
Foto: Kai-Uwe Knoth
In den Grundstoffindustrien brennt die Hütte lichterloh.
Michael Vassiliadis,
Vorsitzender der IGBCE
Regierung muss Ruder rumreißen
„In den Grundstoffindustrien brennt die Hütte lichterloh. Fast täglich erreichen uns Meldungen über neue Sparprogramme, Stellenabbau, Anlagen- oder sogar Standortschließungen“, erklärte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis in Hannover. Allein in den vergangenen Monaten habe man mehr als 200 Fälle mit gut 25.000 betroffenen Arbeitsplätzen gezählt. „Wir müssen diesen Abschied auf Raten schleunigst stoppen“, mahnte er. „Sonst nimmt die gesamte industrielle Wertschöpfungskette schweren Schaden – und damit das ganze Land. Wenn die Industrie in Deutschland dauerhaft geschädigt wird, wird es dunkel hier.“ Schließlich stünden die energieintensiven Branchen am Beginn nahezu aller Produktionsprozesse.
Seit Jahrzehnten werde das Land mittlerweile auf Verschleiß gefahren, die Verantwortlichen in der Politik „haben unsere Infrastruktur nicht in Schuss gehalten“, so Vassiliadis. Ob Schulen, Straßen, Leitungen, „überall fehlt es am Notwendigsten“. Die mutmaßliche neue Regierung von Union und SPD müsse das Ruder nun „schleunigst herumreißen. Das Sondervermögen für Infrastrukturinvestitionen, die Aufstockung des Klima- und Transformationsfonds und die Pläne zur Entlastung bei den Energiekosten sind ein richtiger Schritt, nun braucht es ein Bündel konkreter Maßnahmen, um die PS auch auf die Straße zu bringen.“
Es müsse massiv investiert werden, „wir müssen endlich mehr tun für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen. Wir brauchen einen Turnaround für die Industrie“, sagte der IGBCE-Vorsitzende. Er machte deutlich, dass die massiven Finanzpakete für Infrastruktur und Verteidigung nicht allein kreditfinanziert werden sollten, und bekräftigte die IGBCE-Forderung nach einer einmaligen Vermögensabgabe für Superreiche. „Es braucht endlich einen gesamtgesellschaftlichen Lastenausgleich.“
Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner erklärte: „Ohne Industrie ist Deutschland ein armes Land, das werden wir nicht zulassen.“ Es sei gut, dass die Politik mit der Einigung auf das Sondervermögen gezeigt habe, dass sie verstanden habe. „Aber noch ist nichts beschlossen, noch ist nichts klar. Alle politischen Kräfte müssen jetzt Verantwortung übernehmen, damit dieses zentrale Vorhaben nicht scheitert.“
Foto: Stefan Plenk
Foto: Suna Aydin
Industriebeschäftigte zeigen Flagge
Nadine Rödiger, beschäftigt in der Kundenlogistik beim Automobilzulieferer Benecke-Kaliko, einer Tochter des Reifenkonzerns Continental, war mit mehreren Kolleginnen und Kollegen zur Demo in Hannover gekommen. „Mir ist es wichtig, hier ein Zeichen zu setzen“, sagte sie. „Wir wollen der Politik klarmachen, dass die Industrie in Deutschland gebraucht wird.“ Ihr Kollege Frank Rodewald betonte: „Ich setze mich hier für Industriearbeitsplätze, meine Zukunft und die Zukunft meiner Kinder ein.“
Das gleiche Anliegen hatte Walter Dettmer vom Pelikan-Produktionswerk in Peine: „Die Jobs in der chemischen Industrie müssen erhalten bleiben, dafür kämpfen wir.“ Wichtig sei jetzt vor allem eine nachhaltige Senkung der Energiepreise und eine unterstützende Industriepolitik.
„Wir müssen hier Flagge zeigen, schließlich geht es um unsere Arbeitsplätze“, erklärte Ralf Kunze, der bei Continental in Hannover-Stöcken arbeitet. „Das ist auch ein Zeichen an unsere neue Regierung.“ „Wir brauchen endlich niedrigere Energiepreise“, betonte sein Kollege Matthias Holitzner, der sich von der Politik zudem „Respekt und Anerkennung für die arbeitende Bevölkerung“ wünscht – und ein Bekenntnis dazu, Industriejobs in Deutschland erhalten zu wollen.
Der Druck von der Straße zeigt dabei zumindest einige Erfolge: Zum Thema niedrigere Energiepreise etwa findet sich schon etwas im Sondierungspapier von Union und SPD, allerdings ist bei dem Punkt die Entlastungswirkung für die energieintensiven Unternehmen noch nicht klar – da muss nachgebessert werden.
Auch das Thema Bürokratieabbau wird immer wieder durch die Verhandlerinnen und Verhandler betont – das begrüßt auch die IGBCE. Tatsächlich müssen Staat und Sozialversicherung bürger- und versichertenfreundlicher werden. Effizienzreserven müssen durch Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und Sozialversicherungsträger mobilisiert werden. Überbordende Berichtspflichten für Unternehmen, die keinem wirklichen Zweck dienen und dabei wertvolle Arbeitskräfte sowie finanzielle Ressourcen binden, sind aus Sicht der IGBCE ebenfalls abzuschaffen. Aber, so betont der IGBCE-Vorsitzende: „Abbau von Schutzrechten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter dem Deckmantel eines Bürokratieabbaus machen wir nicht mit. Im Gegenteil: Wir fordern, die Schutzrechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – national wie international – zu erhalten.“
IGBCE-Umfrage
Das wollen die Mitglieder
Fonds Transformation und Modernisierung
„Einen Fonds zu schaffen, der Modernisierung und Ausbau öffentlicher Infrastruktur finanziert und die Transformation der Industrie fördert, halte ich für eine …“
(in Prozent)
Finanzierung Fonds
„Das Startkapital für diesen Fonds aus einer einmaligen Vermögensabgabe des reichsten Tausendstel der Bevölkerung zu bilden, halte ich für eine …“
(in Prozent)
Mindestlohnentwicklung
„Den gesetzlichen Mindestlohn auf 15 Euro anzuheben, halte ich für eine …“
(in Prozent)
■ gute Idee ■ schlechte Idee ■ bin unentschieden
Quelle: IGBCE
Umfrage unter den Mitgliedern
Zum Thema Arbeitszeit plant Schwarz-Rot, die tägliche Höchstarbeitszeit (derzeit bis zu zehn Stunden) abzuschaffen und sich lediglich auf die bestehenden Höchstgrenzen für eine wöchentliche Arbeitszeit zu beschränken. „Wir lehnen eine solche Aufweichung dieser Schutzregel ab“, stellt Vassiliadis klar. „Viel wichtiger wäre eine klare Regelung zur Arbeitszeiterfassung. Die würde es auch ermöglichen, dass Überstunden besser erfasst und ausgezahlt werden können.“
Andernfalls laufe die Idee, künftig Überstundenzuschläge steuerfrei zu stellen, ins Leere. Das ist übrigens ein Vorschlag, den laut einer Umfrage unter IGBCE-Mitgliedern achtzig Prozent begrüßen würden. Sehr geteilt ist dagegen die Meinung zu einer möglichen Wochenhöchstarbeitszeit: 39 Prozent halten dies für eine gute, 33 Prozent für eine schlechte Idee. Weitere 28 Prozent sind unentschieden.
Laut der Umfrage begrüßen zudem drei von vier Befragten die Schaffung eines Investitionstopfs für Infrastruktur (gefragt wurde nach einem Fonds, nicht nach einem Sondervermögen). Den IGBCE-Vorschlag einer einmaligen Vermögensabgabe für Superreiche zur Finanzierung des deutschen Turnarounds halten knapp zwei Drittel der Befragten für eine gute Idee (61 Prozent), ebenso wie die Anhebung des Mindestlohns auf 15 Euro. Arbeitseinkünfte von Rentnerinnen und Rentnern bis zu 2.000 Euro steuerfrei zu stellen, befürworten 78 Prozent.