Video: Wie sich der Bezirksfrauenausschuss Freiburg für Gleichberechtigung einsetzt.
Wir brauchen
mehr Frauen
Im Bezirksfrauenausschuss Freiburg geben ein Dutzend Gewerkschafterinnen alles. Ihr Ziel: Frauen für betriebliche und gewerkschaftliche Gremien gewinnen. Ihr Antrieb: gleichberechtigt mitbestimmen. Ihr Weg: Freude an der Gemeinschaft.
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Ernste Themen in lustiger Runde: Gelacht wird immer, gebastelt auch.
Silke Gray ist glücklich. Mehr als acht Kilometer misst ihr Schrittzähler in der Nacht zum 8. März, dem Internationalen Frauentag. Sie war tanzen. Die Frauendisco im Gewerkschaftshaus ist der energiereiche Auftakt zu einem Aktionswochenende des Bezirksfrauenausschusses (BFA) Freiburg. Der Bezirk Freiburg, einer von bundesweit 42, erstreckt sich über rund 20.250 Quadratkilometer von Konstanz über Freiburg bis Bötzingen und von Villingen-Schwenningen bis Grenzach-Wyhlen. An diesem Wochenende treffen sich zwölf Frauen aus acht Betrieben. Sie bereiten gemeinsam Aktivitäten vor, um mehr Frauen für die Mitbestimmung zu motivieren. Sie basteln Plakate, packen Geschenke, konzipieren Aktionen. Sie schwenken IGBCE-Fahnen auf der Frauendemo und beim Empfang des Oberbürgermeisters. Sie tauschen sich intensiv aus, abends bei Knöpfle, Schäufele und Radler, bei badischer Küche im Brauhaus.
Ihre Themen sind ernst. Zum Beispiel die finanzielle Benachteiligung von Frauen, ein komplexer Bereich mit vielen Facetten. Der Gender-Pay-Gap beträgt 2024 in Deutschland immer noch 16 Prozent. Frauen verdienen durchschnittlich 1.192 Euro weniger als Männer – im Monat. Im gesamten Arbeitsleben sind das 932.711 Euro. Wer weniger verdient, hat weniger Sicherheiten.
Aus dem Gender-Pay-Gap folgt der Gender-Pension-Gap. Frauen haben nicht einmal halb so viel Rente wie Männer. Jede fünfte Frau lebt in Altersarmut. Diese Rentenschere öffnet sich mit etwa 35 Jahren. Dann, wenn Männer und Frauen Familien gründen. Ein finanziell fataler Moment – für Mütter. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit. Frauen bleiben oft in geringer bezahlten Positionen und übernehmen mehr unbezahlte Arbeit, während Männer Karriere machen. Der Gender-Care-Gap beträgt 44,3 Prozent zuungunsten der Frauen.

Der BFA Freiburg will mit vielen Ideen neue Frauen ansprechen und einladen.
Der Tag der Frauendisco in Freiburg ist der 7. März, Equal-Pay-Day 2025. Bis dahin haben Frauen rechnerisch umsonst gearbeitet, während Männer seit dem 1. Januar bezahlt werden. Silke will, dass sich das ändert, und kämpft auch für die kommenden Generationen. Sie kann viel bewirken, denn sie ist nicht allein, sondern inmitten engagierter Frauen. Die Industriekauffrau liebt die Kraft der Gemeinschaft.
Im Gewerkschaftshaus ist sehr viel dieser Kraft. IGBCE-Bezirksleiterin Sonja Dif leitet für die BFA-Mitglieder ein Schlagfertigkeitstraining an. Sie kennt sich aus mit Improvisationstheater und hat damit Handwerkszeug für harte Verhandlungen, das sie an Frauen weitergibt. Mit Sonja gibt es immer etwas zu lachen. „Wir lernen von Sonja. Sie hat jahrzehntelange Erfahrung in der Gewerkschaft, ein positives Wesen und beeindruckende Durchsetzungskraft“, sagt Silke.
Mein Engagement in der IGBCE gibt mir viel mehr Energie, als ich aufwende.
Silke Gray,
BFA Freiburg
Silke kam über ein Frauenseminar in die IGBCE: „Ich dachte, ich höre einfach zu. Aber ich konnte nicht still sitzen. Das hat so viel Spaß gemacht.“ Silkes Arbeitgeber Thieme, ein Familienunternehmen mit 350 Mitarbeitenden, übernimmt den IGBCE-Beitrag (ein Prozent des Bruttoeinkommens). Das regelt der Sozialpartnertarifvertrag für Gewerkschaftsmitglieder. „Ich fing Feuer und brenne immer noch“, erzählt Silke, die inzwischen Betriebsratsvorsitzende und Mitglied im Bezirksvorstand ist.
Silke hat ihren Sohn überwiegend allein großgezogen und immer gearbeitet. Sie weiß, wie anstrengend der Alltag sein kann. „Doch mein Engagement in der IGBCE“, sagt sie, „gibt mir viel mehr Energie, als ich aufwende.“ Wenn sie nach so einem BFA-Wochenende am Montagvormittag an ihren Schreibtisch im Vertriebsbüro zurückkehrt, ist sie glücklich und hoch motiviert. Sie hat dann ein kleines Geschenk dabei für alle Frauen in ihrem Betrieb. So kommen sie persönlich ins Gespräch. Das sei wichtig. Silke empfiehlt, einfach bei der IGBCE reinzuschauen. So wie sie selbst vor drei Jahren. „Wir unterstützen uns gegenseitig. Gemeinsam sind wir sichtbar.“
Eigene Glückskekse: Die Frauen bereiten Geschenke und Plakate für ihre vielen Aktionen vor.
Sei dabei: Viele Frauen können viel bewegen.
Die zwölf Frauen aus acht Betrieben treffen sich im Freiburger Gewerkschaftshaus.
Auf in die Ämter
Zu tun gibt’s genug. Das weiß auch Sonja, die vor rund einem Jahr aus Berlin nach Freiburg kam, um die Bezirksleitung zu übernehmen. Ihr zuvor größter Erfolg: die Brückenteilzeit. Gesetzlich zu regeln, dass Arbeitnehmende befristet Stunden reduzieren, ist das Ergebnis eines mehr als zehn Jahre langen Kampfes. Sechs davon hat Sonja maßgeblich mitgekämpft.
Der erfahrenen Gewerkschaftsfrau sind Zahlen ein Ansporn. Denn dahinter stehen Menschen. Der Frauenanteil der IGBCE ist in der Bundeshauptstadt mit 36 Prozent am größten. Sie kenne den Unterschied zum Südwesten der Republik, wo das Rollenverständnis traditioneller sei, sagt Sonja und gibt dem BFA einen klaren Auftrag: 33 Prozent der Beschäftigten in Freiburger IGBCE-Betrieben sind weiblich, jedoch nur 26 Prozent der Freiburger Gewerkschaftsmitglieder. Der Anteil der weiblichen IGBCE-Mitglieder soll mindestens dem Anteil der weiblichen Beschäftigten entsprechen. Das heißt: Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Frauen soll um ein gutes Drittel steigen. „Die gewerkschaftlichen Strukturen sind da. Macht mit“, lautet ihre Botschaft an alle Frauen. „Wir brauchen einander. Wenn wir viele sind, dann können wir auch viel bewegen.“
In Deutschland leben über eine Million mehr Frauen als Männer. Und sie leben rund fünf Jahre länger. Doch Frauen haben auch in Gewerkschaften seltener einflussreiche Positionen. „Wir können, obwohl wir das wollen, unsere Gremien im Bezirk nicht weiblich besetzen, weil wir nicht genug Frauen haben“, erklärt Sonja.
Jetzt sei der Moment, einzusteigen, denn im Frühjahr 2026 sind wieder Betriebsratswahlen. „Wir wollen dann in jedem Gremium dreißig Prozent Frauen.“ Sonst fehle die weibliche Perspektive bei wichtigen Entscheidungen. „Wenn ihr jetzt startet, seid ihr bis dahin vertraut mit den Strukturen und fit in den Themen“, ermutigt Sonja alle Frauen. „Systematische Ungleichheiten können aufgelöst werden, wenn Entscheidungen mit statt über Frauen getroffen werden.“
Die IGBCE bietet Seminare für Frauen, zum Beispiel zu Finanzen, Resilienz und Kommunikation. Und es gibt Vorbilder wie die Frauen des BFA. Sie agieren, wie Sonja betont, „mutig, beharrlich und überlegt“. Sie treffe dennoch oft Frauen, die sich das Engagement nicht zutrauten. Ihnen gilt ihr Lieblingssatz: „Einfach machen; es könnte gut werden.“
Wir brauchen einander. Wenn wir viele sind, dann können wir auch viel bewegen.
Sonja Dif,
BFA Freiburg und IGBCE-Bezirksleiterin
Nachgefragt
Die IGBCE hat alle Mitglieder im Jahr 2024 zur Gleichstellung befragt. Mehr als 2.700 haben geantwortet, gut ein Viertel von ihnen weiblich. Die Ergebnisse: Mehr als zwanzig Prozent der Befragten insgesamt erleben, dass Frauen im Unternehmen benachteiligt sind. Mehr als vierzig Prozent der Frauen sehen ihr Geschlecht eher oder oft benachteiligt. Auf die Frage nach Maßnahmen zur Gleichstellung ist die häufigste Antwort: „Mir sind keine bekannt.“ Die höchsten Hürden seien veraltete Rollenbilder, die private Aufteilung der Sorgearbeit und die hohe Teilzeitquote von Frauen.
Die Antwort des BFA Freiburg auf diese Missstände lautet: mitmachen. Vielen Frauen fehle die Gemeinschaftserfahrung. Für Männer sei es normal, allerorten unter Männern zu sein und ihre Stimme zu erheben. Frauen müssten ihren Raum aktiv schaffen. Denn Frauen seien in den Branchen der IGBCE selten in der Mehrheit – und selten unter sich.
Allen, die Zahlen nicht aktivieren, rufen die Frauen in Freiburg zu: „Es macht Spaß. Es gibt nichts Schöneres, als sich mit Frauen für Gleichstellung zu engagieren.“ Sonja, die fast immer lacht, blickt plötzlich streng in die fröhliche Runde im Gewerkschaftshaus, sodass auch dieser Satz sitzt: „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte. Die Lage ist ernst, Frauenarbeit wichtig.“
Gewerkschaften sind die größte Interessenvertretung erwerbstätiger Frauen in Deutschland. Für Sonja gibt es keinen besseren Ort, um für Gleichberechtigung zu kämpfen. „Unser Ziel ist erreicht, wenn unsere Arbeit überflüssig wird, weil Frauen selbstbestimmt ihr Leben gestalten. Seite an Seite mit ihren männlichen Kollegen.“
KlarkantIGBCE
Ende 2024 startete eine IGBCE-Kampagne gegen Gewalt an Frauen: KlarkantIGBCE richtet sich an alle Beschäftigten und Unternehmen, um ein klares Zeichen gegen Diskriminierung und Übergriffe zu setzen. Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem: Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer psychischer oder physischer Gewalt. Die IGBCE fordert eine Kultur des Respekts und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexueller Belästigung. Ziel ist es, Betriebsräte und Vertrauensleute fit zu machen, um Betriebsvereinbarungen zum Schutz vor sexueller Gewalt zu unterzeichnen. Die Sensibilisierung der Beschäftigten ist genauso wichtig wie Verhaltensregeln und Beschwerdemöglichkeiten.