Menschen & Gemeinschaft

Betriebsausflug

Video: Ein Besuch der Villeroy & Boch Welt in Mettlach lässt sich hervorragend mit einem Blick auf die beeindruckende Saarschleife verbinden.

Blick über den Tellerrand

Text Christoph Borgans – Fotos Moritz Küstner

Das Saarland ist vielleicht nicht das bekannteste deutsche Bundesland, aber was hier hergestellt wird, das kennen fast alle: Unweit der idyllischen Saarschleife wird seit rund 200 Jahren Keramik und Porzellan von Villeroy & Boch produziert. Eine neue Ausstellung führt die Besucherinnen und Besucher in die Welt des weißen Golds.

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Die Saarschleife ist ein beliebtes Ausflugsziel.
Rechts im Bild: der Baumwipfelpfad.

Die Saar dreht viele Schleifen auf ihrem Weg von den französischen Vogesen bis zur Mosel in Rheinland-Pfalz – nirgends aber so schöne wie im Saarland bei Mettlach: Dort wendet der Fluss mit Schwung und Eleganz, als ob er schnurgerade dahin zurückwollte, woher er gekommen ist, biegt dann sanft nach links und schlägt einen Haken nach rechts und es entsteht ein Flussverlauf, der so ikonisch ist, dass ihn alle erkennen, die einmal hier gewesen sind.

Den schönsten Blick darauf hat, wer vom Wasser die 180 Höhenmeter zur Cloef hinaufsteigt, dem felsigen Aussichtspunkt über der Saar. Oder besser noch weiter auf den 42 Meter hohen Holzturm am Ende des Baumwipfelpfads. Dort steht man dann in Sonne und Wind über den Tannenspitzen und sieht auf einen Blick vieles von dem, was das Saarland zu bieten hat.

Klingt es glockengleich? In der Villeroy & Boch Welt dürfen Gäste selbst testen, ob eine Tasse einwandfrei ist.

Mittelalter: Der Alte Turm im Abteipark wurde um 990 bis 994 erbaut.

Wanderschuh und Tretboot

Die weitläufigen Wälder, durch die 740 Kilometer Premiumwanderwege führen und Fernwanderrouten wie der Saar-Hunsrück-Steig. Man sieht die Fahrradstrecken, auf denen man die Metropolen der Großregion erradeln kann: Metz, Saarbrücken, Luxemburg und Trier. Direkt am Wasser liegen ein Verleih für Stand-up-Paddle-Boards und Elektrotretboote und die Häuser der idyllischen Saarschleifenlodge. Und dann sind da die mittelalterlichen Bauten wie die Ruine Montclair, die in der Mitte der Schleife thront.

Und ohne es zu wissen, sieht man so auch, warum sich in dieser schönen Gegend vor mehr als 200 Jahren der Porzellanfabrikant François Boch niedergelassen hat. Dort in Mettlach – auf der linken Seite der Schleife gleich hinter dem ikonischen Knick – in einer alten Benediktinerabtei.

Drei Gründe waren es: Der viele Wald, denn Porzellan wird sehr heiß gebrannt, und dafür brauchte man reichlich Holz. Die Saar, denn das fertige Porzellan musste ja seinen Weg in die weite Welt finden. Und die alte Benediktinerabtei mit ihrem prachtvollen Garten, die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch den vielen Platz bot, um Porzellan zwischen den Brenngängen zu lagern.

Bald gab es in der Region nur einen anderen Keramikproduzenten, der ähnlich erfolgreich war: Nicolas Villeroy. Um auch auf dem europäischen Markt zu bestehen, fusionierten die beiden im Jahr 1836. Lernen kann man das von ­Andrea Würth. Die 61-Jährige, die seit mehr als dreißig Jahren bei Villeroy & Boch arbeitet, hat schon viele Menschen durch das Unternehmen geführt: neue Kunden wie den Scheich von Abu Dhabi oder Politiker auf Staatsbesuch wie Jacques Chirac.

Auch wie Porzellan entsteht, kann Andrea Würth natürlich erklären. Aber man kann es auch selbst herausfinden. Seit Januar geht das in der Villeroy & Boch Welt – einer interaktiven Ausstellung auf 2.000 Quadratmetern am Firmensitz in Mettlach.

Damit fing alles an: Der Teller mit der Fremersdorfer Saarmühle von 1836 zeigt den Ort des Vertragsabschlusses.

Die ältesten Produkte zeigen noch deutlich die Prägung von Boch als Kanonenkugelgießer.

Pierre-Joseph Boch entwarf das Dekor „a la brindille“, welches der Vorläufer des Klassikers „Alt Luxemburg“ ist, der bis heute produziert wird.

Die Arbeiten von Villeroy & Boch reichten vom aufwendigen Service bis zum Waschgeschirr.

… oder Papst Johannes Paul II. mit Tafelgeschirr.

Reisende des Orient Express speisten von Tellern von Villeroy & Boch.

Helen von Boch designte „La Boule“ 1971: Ein komplettes Tischservice für vier Personen lässt sich zu einer Kugel ineinanderstapeln.

Mit der Zeit gegangen: Heutzutage umfasst die Kugel ein Tischservice für zwei Personen und setzt auf dezentere Töne.

Extravagant: „Pumpkin Chess“ der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama existiert in nur sieben Auflagen, eine steht in der Villeroy & Boch Welt.

In vielen Haushalten hingegen erfreut seit Jahrzehnten täglich das Geschirrset „Petite fleur“.

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Geheime Rezeptur

Gleich zu Beginn der Ausstellung trifft man auf die Porzellanzutaten: Kaolin, Quarz und Feldspat. An einem runden Tisch, dessen Oberfläche ein einziges großes Display ist, kann man mit Drehknöpfen an der Mischung herumtüfteln, bis sie passt. Bei der Kombination 50:30:20 erscheint „Gratulation! Sie haben Porzellan gemacht!“.

Um Sanitärkeramik herzustellen, kommt als vierte Zutat Ton hinzu. Andrea Würth schmunzelt. „Salopp gesagt nichts anderes als gebrannte hochwertige Erde.“ Na gut, so einfach sei es vielleicht doch nicht, schiebt sie hinterher. Es gibt noch ein paar Spezialzutaten in der geheimen Rezeptur.

Das Stück geht verformt in den Ofen – und kommt perfekt raus.

Andrea Würth,
Villeroy-&
-Boch-Besucherservice

Ohne Erfahrung geht es nicht

„Und dann braucht es noch jede Menge Erfahrung.“ Denn Porzellan und Keramik schrumpfen beim ersten Brand um zehn bis zwölf Prozent. Wie genau, lässt sich aber nicht berechnen. Zum Beispiel ist der Schwund wegen der Schwerkraft oben größer als an den Seiten. Also ausprobieren. Etwa ein bis zwei Jahre dauert die Entwicklung eines neuen Modells. „Am Ende dann geht das Stück jedes Mal verformt in den Ofen und kommt perfekt raus.“

Wie aus der Rohmasse, dem „Schlicker“, die Produkte entstehen, zeigt die Ausstellung mit Videos und Tönen und teilfertigen Produkten aus jedem Arbeitsschritt zum Anfassen. Rechts im Gang kann man die Entstehung von Porzellantassen und Keramiktellern nachvollziehen, links die eines Waschbeckens. Also je eine Seite für die beiden Unternehmensbereiche: Dining & Lifestyle und Bad & Wellness.

Während der Produktion wird jede Tasse bis zu fünfmal in die Hand genommen, etwa bei der Qualitätskontrolle. In der Villeroy & Boch Welt machen das die Besucherinnen und Besucher selbst: Die Tasse wird mit einem Stift angeschlagen klingt sie wie eine Glocke, darf sie weiter. Klingt sie stumpf, hat sie irgendwo einen Haarriss. Aber sie landet nicht auf dem Müll, sondern wird gemahlen und erhält eine neue Chance, eine ordentliche Tasse zu werden.

Wie wichtig Qualität für Villeroy & Boch ist, versteht man, wenn man zu den Vitrinen mit Ausstellungsstücken kommt: Das Tafelgeschirr von Papst Benedikt XVI. steht dort, das Waschgeschirr von Bayernkönig Ludwig II., Zuckerdosen für das Luftschiff „Graf Zeppelin“, Keramikfliesen für die „Titanic“, Sonderanfertigungen für das Disneyland Paris ebenso wie für den Sternekoch Paul Bocuse.

Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts war Villeroy & Boch zum gefragten Weltkonzern aufgestiegen. Heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in rund 140 Ländern kann man Porzellan und Keramik von Villeroy & Boch kaufen.

Ein Klassiker neu aufgelegt: „La Boule“ ist handwerklich eine Herausforderung alle Teile ergeben zusammengesetzt eine Kugel.

Führt durch die Villeroy & Boch Welt: Andrea Würth arbeitet seit 1984 für das Unternehmen.

Neben dem Outlet erstrahlen Varianten von „La Boule“ als Lampen.

Von Kanonenkugeln zu Kugelvasen

Begonnen hatte es mit Kanonenkugeln. François Boch war königlicher Kanonengießer in Frankreich. Als 1748 dann der österreichische Erbfolgekrieg endete, suchte er sich ein neues Betätigungsfeld und goss fortan Keramik.

Den ersten Produkten aus dieser Zeit sieht man es noch an: braune Vasen und Kännchen mit kugelrunden Bäuchen. Doch schnell wurde es filigraner und exquisiter. Sich ständig weiterzuentwickeln, ohne die Identität zu verlieren das ist seitdem ein Markenzeichen. Sehen kann man das etwa bei „La Boule“, einem kompletten Tafelgeschirr aus Tellern und Schüsseln, bei dem nicht nur jedes Teil in sich stimmig ist, sondern alle zusammengesetzt eine Kugel ergeben. Das Set ist ein Designklassiker aus den Siebzigern von Helen von Boch und erschien damals in Farben wie Senfgelb und Moosgrün und für vier Personen. Angepasst an die Lebensrealität und den Geschmack von heute, ist es ein Set für zwei, bei dem Schwarz, Weiß und Blau dominieren.

„Die Leute fragen mich immer: Wie lange bleibt so ein Dekor im Programm?“, sagt Andrea Würth. „Und ich sage dann: Bis es nicht mehr gekauft wird.“ Und dabei zeigt sie auf das Dekor in der Ausstellungsvitrine hinter ihr: ein geschwungener Blumenzweig in Kobaltblau auf weißem Grund.

Moment! Steht das nicht auch unten im Outlet? „Ja“, sagt Würth und lächelt. Denn das Dekor ist ebenso historisches Ausstellungsstück wie Verkaufsschlager. Es steht bei Andrea Würth zu Hause und in vielen Haushalten in aller Welt. „Alt Luxemburgheißt es. Entworfen wurde es von Pierre-Joseph Boch – im Jahr 1770. Tradition und Moderne. Selten verbindet sich beides so schön wie in Mettlach an der Saarschleife.

Guide: Mettlach und Umgebung

Saarschleife und Baumwipfelpfad
Weitere Information unter der Karte.

Hotelempfehlung
Schloss Saareck
Im Saareckpark, 66693 Mettlach
Gästehaus von Villeroy & Boch,
individuell gestaltete Zimmer;
DZ/Frühstück ab 119 Euro
www.schloss-saareck.de

Hotelempfehlung
Saarschleifenlodge
Steinbach 2, 66693 Dreisbach
DZ ab 79 Euro,
Ferienhäuser ab 129 Euro
www.saarschleifenlodge.eu

Gastronomie
Steinbachs Genuss²
Weinbar an der Saarschleife
mit kleinen Speisen
www.saarschleifenlodge.eu/steinbachs

Gastronomie
Buchnas Dorfküche
Im Buchnas Landhotel Saarschleife
Cloefstraße 44, 66693 Orscholz
www.hotel-saarschleife.de

Villeroy & Boch
Saaruferstraße 1–3
66693 Mettlach
Neben der interaktiven Villeroy & Boch Welt (Eintritt 12 Euro) kann man hier im Outlet shoppen oder im Abteipark spazieren. Dort steht auch der Alte Turm – das älteste sakrale Bauwerk des Saarlandes.

Saarschleife und Baumwipfelpfad
Cloef-Atrium
66693 Mettlach
Nach 1.250 Metern auf Baumwipfelhöhe endet der Pfad auf einer Plattform über der Schleife; Eintritt: 12,50 Euro.
www.treetop-walks.com/saarschleife

Burg Montclair
Besuchermagnet mitten in der Saarschleife; Eintritt: 2 Euro inklusive Museum
www.burg-montclair.de

Wanderungen, Boots-
und Radfahrten

Wanderwege gibt es hier viele, etwa den Saar-Hunsrück-Steig. Fahrräder und Elektrotretboote kann man direkt an der Saarschleife leihen:
www.saar-hunsrueck-steig.de
www.bootsverleih-saar.de