Video: Was der SuedLink-Trassenbau für die Energiewende und für die Tennet-Beschäftigten bedeutet
Autobahn für
grüne Energie
In Zeven wird an einem Leuchtturmprojekt der Energiewende gearbeitet: Hier laufen die Bauarbeiten für die Stromautobahn SuedLink auf Hochtouren. Profil war vor Ort.
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Die Stromautobahn SuedLink soll grüne Energie ab 2028 durch Deutschland transportieren. Bei Zeven in Niedersachsen ist gerade das Teilstück A4 in Bau.
Mit einem eleganten Schwung hebt sich die dreieckig geformte Schaufel des Baggers in den strahlend blauen Himmel, senkt sich ab und zieht kraftvoll durch den Sand. Wieder und wieder hebt sich die extra für das Projekt angefertigte Schaufel, senkt sich, zieht Sand heran, Meter um Meter entsteht so ein exakter Graben mit leicht geneigten Seitenwänden, oben vier Meter breit, unten rund 2,50 Meter, bald schon können hier Kabel verlegt werden.
Ein Schwarm Gänse zieht unbeeindruckt vorüber. Dabei entsteht hier, mitten im niedersächsischen Nirgendwo, auf einem Acker in der Nähe von Zeven, Kreis Rotenburg (Wümme), ein Leuchtturmprojekt der deutschen Energiewende: Es handelt sich um das 37 Kilometer lange Teilstück A4 der Stromautobahn SuedLink, die grüne Windenergie aus dem windreichen Norden zu Haushalten und Industriekunden in Bayern und Baden-Württemberg transportieren soll.
Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet TSO Germany, eine Tochter des niederländischen Tennet-Konzerns, ist für den nördlichen Trassenabschnitt zuständig und baut 230 der rund 700 Kilometer langen Leitung, den Rest setzt der Projektpartner TransnetBW um. 2028 soll die Windstromautobahn fertig sein, zwei parallele Leitungen mit insgesamt vier Kabeln werden dafür verlegt, 2.420 Kilometer Erdkabel sind notwendig.
Baustein der Energiewende
Mit einer Kapazität von vier Gigawatt kann SuedLink zehn Millionen Haushalte versorgen, die Übertragung erfolgt per Gleichstrom, das ist besonders verlustarm. An den Enden der SuedLink-Leitung in Brunsbüttel und Wilster im Norden sowie Heilbronn und Schweinfurt im Süden stehen jeweils Konverteranlagen, die Gleichstrom in Wechselstrom (und umgekehrt) umwandeln.
Der Ausbau der Übertragungsnetze ist Voraussetzung für die deutsche Energiewende. Rund 35.000 Kilometer umfasst das deutsche Stromübertragungsnetz aktuell, 18.000 Kilometer muss die Bundesregierung für die Energiewende ausbauen oder verstärken, neben SuedLink stehen im Bundesbedarfsplan unter anderem A-Nord, SuedOstLink, NordOstLink und viele weitere Projekte. Nach langen Jahren, in denen der Netzausbau eher schleppend verlief, hat die Umsetzung mittlerweile deutlich an Fahrt aufgenommen. Im Januar 2023 gab es für 333 Kilometer Stromautobahn Baugenehmigungen, im Februar 2025 waren rund 3.000 Kilometer genehmigt, bis Ende des Jahres sollen es rund 4.400 Kilometer sein. Damit sind aktuell rund ein Drittel der benötigten Leitungen genehmigt, die ersten haben ihren Dienst aufgenommen. Bis 2030 sollen rund 4.500 Kilometer in Betrieb sein. Die Kosten für den Netzausbau werden offiziell mit rund 320 Milliarden Euro bis 2045 angegeben, zuletzt allerdings kursierten – bislang unbestätigte – Schätzungen von 600 Milliarden Euro. Immerhin, so erklärt es IGBCE-Experte Malte Harrendorf, sei man jetzt beim Netzausbau wieder auf Spur. „Trotzdem fehlen die Jahre, die wir verloren haben – und die werden wir auch nicht in Gänze aufholen können“, so Harrendorf.
Die Stromautobahn SuedLink soll im Jahr 2028 ihren Dienst aufnehmen. Tennet wird in den nächsten zehn Jahren rund 200 Milliarden Euro in den Netzausbau investieren – 45 Prozent davon in den Niederlanden und 55 Prozent in Deutschland. Die Investitionen für das Netzausbauprojekt SuedLink sind darin inkludiert. Laut Medienberichten kostet der Bau von SuedLink rund zehn Milliarden Euro. Ursprünglich war die Fertigstellung dieser Stromautobahn bereits für das Jahr 2022 geplant. Allerdings hatte die Politik angesichts des öffentlichen Drucks im Jahr 2015 entschieden, statt Freileitungen – die günstiger und schneller zu bauen sind – Erdkabel zu verlegen. Das sollte die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Bau der Stromtrassen erhöhen.
Abschnitte der SuedLink-Trasse
Grafik: Tennet
Der Netzausbau brachte bei Tennet jährlich neues Personal im hohen dreistelligen Bereich, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Michael Kunter (Mitte).
Bürokratie in der Planungsphase
Aber: „Alle bis dahin gelaufenen Planungen und Vorbereitungen für SuedLink mussten neu begonnen werden, das hat Zeit und Geld gekostet“, erklärt Dierk Schönwald, Fachbereichsleiter Kabel und Tiefbau bei Tennet. Es sei auch für ihn „überraschend“ gewesen, so der Maschinenbau-Ingenieur, was bei einem technisch eher simplen Projekt – sehr vereinfacht gesagt: Grube graben, Kabel verlegen und verbinden, Grube wieder schließen – im Vorfeld an Planungen und Bürokratielasten anfalle. Zwei Jahre wurden etwa Flora und Fauna bei Baugrunduntersuchungen erfasst, es folgten Genehmigungen für die reinen Bauarbeiten, Genehmigungen für rund 2.000 Schwerlasttransporte mit Kabeln, Genehmigungen für die Einleitung von Drainagewasser, das bei Bodenarbeiten anfällt, Vereinbarungen mit dem Landvolk zur Entschädigung der Landwirte, auf deren Grundstück gebaut wird, die Bürgerbeteiligung, die archäologische Begleitung – die Aufzählung könnte noch lang weitergehen.
In Zeven gehen unterdessen die Arbeiten an SuedLink weiter. Rund zehn Kilometer des 37 Kilometer langen Bauabschnitts A4 sind mittlerweile verlegt, im Herbst 2025 soll das Teilstück fertig sein. Bis dahin müssen noch viele Kilometer Erdkabel verlegt werden, die aufgerollt auf rund vier Meter hohen Spulen in acht Zwischenlagern entlang der Trasse auf ihre Verwendung warten.
Zuletzt kamen Diskussionen auf, ob man aus Kostengründen für anstehende Projekte wieder auf Freileitungen setzt statt auf Erdkabel. Für SuedLink würde das keinen Sinn ergeben – dafür ist das Projekt zu weit durchgeplant und genehmigt. Für künftige Gleichstromprojekte hingegen könnte man noch auf Freileitung umschwenken, erklärt Dierk Schönwald. Das wäre deutlich günstiger und sei auch einfacher in der Umsetzung. „Da müsste die Politik jetzt aber schnell Entscheidungen treffen, wie es weitergehen soll. Je länger es dauert, desto schwieriger und teurer wird es, umzuplanen.“
Und eine weitere, sehr wichtige Grundsatzentscheidung steht an: Die Muttergesellschaft Tennet Holding, die vollständig in niederländischem Staatsbesitz ist, will Investoren am deutschen Tennet-Geschäft beteiligen: Es stehen hohe Investitionen an in den kommenden Jahren und der niederländische Staat hat wenig Interesse daran, die deutsche Energiewende zu finanzieren.
Verstaatlichung oder Verkauf?
Zeitweise stand eine Übernahme durch den Bund im Raum, scheiterte aber an der damaligen Haushaltslage. Nun prüft Tennet andere Optionen, etwa den (teilweisen) Verkauf an einen oder mehrere private Investoren oder einen Börsengang. „Was davon kommt, ist unklar“, sagt Michael Kunter, Betriebsratsvorsitzender der deutschen Tennet. Grundsätzlich würde er eine Verstaatlichung oder einen Verkauf begrüßen.
Die IGBCE stünde einem Einstieg des Staates positiv gegenüber: „Es handelt sich um eine öffentliche Daseinsaufgabe, da sollte der Staat stärker als bislang Kontrolle ausüben“, so Experte Harrendorf. Außerdem könnte der Netzausbau dadurch auch günstiger werden, anders als Investoren habe der Staat nämlich ein langfristiges und strategisches Interesse ganz ohne Renditedruck. „Man hätte also mehr finanziellen Spielraum.“
Für den Tennet-Betriebsrat hat der Netzausbau ganz praktische Auswirkungen: „In den vergangenen Jahren ist die Belegschaft deutlich auf nun 5.000 Beschäftigte (intern und extern) in Deutschland angewachsen“, berichtet Kunter. Pro Jahr habe man neues Personal im hohen dreistelligen Bereich dazubekommen. „Das finden wir natürlich gut.“ Er ist besonders froh darüber, dass er bei dem ganzen Thema Netzausbau die IGBCE an seiner Seite weiß: „Es ist so wichtig, dass die IGBCE sich in der Politik intensiv für das Thema einsetzt, da macht die Gewerkschaft einen coolen Job.“ Große Teile der Politik würden das Thema nicht in der Gesamtheit erfassen, da seien Kontakte und Einfluss der IGBCE umso wichtiger. Kunter ist sicher: „Wenn wir als Gesellschaft das mit der Energiewende nicht gut und richtig hinkriegen, wird es in Zukunft richtig schwer.“