Foto: Picture Alliance/dpa | Oliver Dietze
Unter Strom
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Das Energieunternehmen Steag hat turbulente Zeiten hinter sich: Überführung in die öffentliche Hand, Aufspaltung in zwei separate Unternehmen, Übernahme des Gesamtkonzerns durch einen spanischen Investor. Der möchte kräftig investieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Steag Iqony Group
Die Geschichte des fünftgrößten deutschen Energieerzeugers begann 1937: Die Steinkohlen-Elektrizität AG (Steag) wird gemeinsam von mehreren Unternehmen des Ruhrbergbaus gegründet, die damit ihre Stromerzeugung zusammenfassen. Der Name beschreibt, worum es zunächst ging: die Gewinnung von Elektrizität aus Steinkohle. Ab den 1960er-Jahren kommt der Bereich Fernwärme hinzu – bis heute eine der tragenden Säulen des Konzerns. Es folgen Kohlehandel, Kraftwerksbau und -betrieb sowie Entsorgung. Nach der Wiedervereinigung widmet sich die Steag auch den erneuerbaren Energien wie Wind, Biogas und Geothermie. 2011 geht das Unternehmen in die öffentliche Hand über, gehört fortan einem Konsortium von sechs kommunalen Ruhrgebietsstadtwerken (KSBG). Unter der KSBG wird der Konzern aufgeteilt, zwei eigenständige Tochterunternehmen entstehen: Der schwarze Bereich, die Steag Power GmbH, bündelt das Geschäft mit fossiler Energie und die Kraftwerke. Der grüne Bereich, das Tochterunternehmen Iqony, widmet sich Wachstums- und Zukunftsthemen wie Photovoltaik, Wind, Geothermie. 2023 kauft der spanische Investor Asterion den kompletten Konzern und führt das Unternehmen nun als Steag Iqony Group. Mittlerweile liegt der Fokus auf regenerativen Energien.
Gründung: 1937 in Lünen als Steinkohlen-Elektrizität AG
Sitz: Essen
Rechtsform: GmbH (mitbestimmt)
Eigentümer: seit Januar 2024 der spanische Investor Asterion Industrial Partners
Geschäftsbereiche: Steag Power GmbH und Iqony GmbH
Umsatz (2023): 3,92 Milliarden Euro
EBIT (2023): 1,36 Milliarden Euro
Beschäftigte: circa 5.500 weltweit (davon 3.300 in Deutschland)
Arbeitsumgebung
Steag ist ein Markenname, in der Industrie und darüber hinaus wird das Unternehmen als verlässlicher Partner für Versorgungssicherheit und Netzstabilität wahrgenommen. Nur noch eines der sechs Kraftwerke läuft im Regelbetrieb, alle anderen befinden sich in der Netzreserve. Durch die Systemrelevanz muss Steag immer einen gewissen Personalstock vorhalten, um die dauerhafte Betriebsbereitschaft der Anlagen garantieren zu können. Gerade im Ruhrgebiet ist der Kampf um Fachkräfte aber groß – andere Energieriesen wie RWE oder E.ON buhlen um dieselben Talente. Die Benefits fallen dementsprechend üppig aus: Jobbike, Vergünstigungen im Fitnessstudio, Sommerfreizeit und Ferienbetreuung für Kinder von Beschäftigten, Kantine, interne und externe Weiterbildungsmöglichkeiten und kostenloser Strom zum Laden von E-Bikes und E-Autos sind nur einige Beispiele. Es gibt eine Abteilung Gesundheit und Soziales, die in Kooperation mit einem Betriebsarzt Gesundheitsleistungen anbietet und Unterstützung bei familiären Notfällen anbietet.Die Beschäftigten arbeiten gern im Unternehmen, auch wenn die Jobs im schwarzen Bereich endlich sind. Passend zu den vielen verschiedenen Geschäftsfeldern gibt es einen bunten Blumenstrauß an Berufen – vom Anlagenfahrer*innen über Bürokaufleute, Elektriker*innen, Ingenieur*innen, Jurist*innen bis hin zu Mechatroniker*innen.
Betriebsklima
Die vergangenen zehn Jahre waren ein einziges Auf und Ab für die Beschäftigten: drohende Insolvenz, Kohleausstieg, das Abschalten von Steinkohlekraftwerken und schließlich der Krieg in der Ukraine, der alles veränderte. Ein Beispiel: Eigentlich sollte das Kraftwerk Fenne Ende Oktober 2022 vom Netz gehen. Die Energieknappheit, unter der Deutschland litt, musste aber schnellstens aufgefangen werden. Fenne musste weiterlaufen. Das größte Problem war plötzlich Personalmangel: Über Jahre hatte die Steag die bevorstehenden Stilllegungen vor Augen, hatte keine neuen Leute eingestellt, ältere Beschäftigte in Rente oder Anpassungsgeld geschickt.
Hinzu kam ein strenges Sanierungsregime der KSBG. Um das Unternehmen für einen Verkauf „aufzuhübschen“, wurde fast kein Stein auf dem anderen gelassen, der schwarze und der grüne Bereich eigenständig aufgestellt. Beide Teile sollten eventuell einzeln verkauft werden. Seit der Übernahme des Konzerns durch den spanischen Investor ist nun etwas Ruhe eingekehrt. Die schwarze und die grüne Sparte sind unter einer Marke vereint. In vielen Bereichen wurden Gemeinschaftsbetriebe gebildet, um die hohen Verwaltungskosten – viele Zentralfunktionen gab es doppelt – zu senken. Die Folge: ein Sparprogramm, mit dem auch ein geordneter Stellenabbau einhergeht, der aber über Altersabgänge, Altersteilzeit oder Anpassungsgeld sozialverträglich geregelt wird.
Mitbestimmung
Die Mitbestimmungsstrukturen bei Steag Iqony sind sehr stark und sehr partnerschaftlich. Betriebsräte und Gewerkschaft sitzen bei allen Fragen mit am Tisch. Es herrscht ein vertrauensvolles Miteinander. Informations- und Beteiligungspflichten werden grundsätzlich eingehalten. Sowohl die Arbeitnehmer- als auch die Arbeitgeberseite arbeiten daran, dass das vertrauensvolle Miteinander auch nach der Übernahme durch Asterion erhalten bleibt, das spanische Unternehmen hat aber recht schnell verstanden, dass die Mitbestimmung wichtig ist.
Es gibt einen Gesamtbetriebsrat, der aus 34 Mitgliedern besteht. Zusätzlich gibt es eigene Betriebsratsgremien an den einzelnen Kraftwerksstandorten beziehungsweise in den Iqony-Betriebsteilen, zum Beispiel bei Iqony Energies. Die Mitbestimmung wird durch eine Gesamt-Schwerbehindertenvertretung, eine Jugend- und Auszubildendenvertretung, Vertrauensleute und Ortsgruppen ergänzt.
Der Aufsichtsrat ist paritätisch besetzt und zählt zwölf Mitglieder. Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Insofern gibt es auch einen Schulterschluss zwischen Geschäftsleitung und Gewerkschaft.
Tarifbindung
Im Konzern gibt es nicht den einen Tarifvertrag – die einzelnen Betriebsteile haben jeweils eigene Tarifverträge mit eigenen Regelungen. Betriebsrat, Gewerkschaft und Arbeitgeber arbeiten aber derzeit gemeinsam daran, die Vertragswerke zu einem neuen Iqony-Manteltarifvertrag zusammenzuführen, der dann in Zukunft konzernweit für alle Kolleginnen und Kollegen gelten könnte – also auch die „alten“ Steag-Tarifverträge ablösen würde.
Die letzte Tarifverhandlung in den Tarifgruppen Steag und Iqony im Mai 2024 brachte den Beschäftigten eine zweistufige Erhöhung der Vergütungen von 3,0 beziehungsweise 5,9 Prozent. Die zweite Stufe ist gerade erst im März 2025 in Kraft getreten. Auch die Ausbildungsvergütungen wurden deutlich angehoben – um insgesamt 200 Euro.
Die Regelarbeitszeit beträgt 38 Stunden, bei Schichtarbeit kann sie aber abweichen. Die Schichtmodelle sind vielfältig: Zwei-Schicht-Modell, Vier-Schicht-Modell, Vollkonti. Es gibt Hunderte Betriebsvereinbarungen zu den unterschiedlichsten Themen, etwa zur Rufbereitschaft, zum mobilen Arbeiten oder zur betriebliche Altersvorsorge.
Zukunftsfähigkeit
Asterion will Steag Iqony zu einem nachhaltigen Energieversorger weiterentwickeln. Das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, unterstützt der neuen Eigentümer. Mehr als eine Milliarde Euro sollen dafür investiert werden. In Duisburg-Walsum wird beispielsweise gerade ein Großbatteriespeicher für 67 Millionen Euro gebaut. Weitere Investitionen im grünen Bereich sollen Stück für Stück folgen, etwa im Wind- und Photovoltaikgeschäft oder in den Segmenten Gaskraftwerke oder Wasserstoffanlagen.
Auch das Thema Fernwärme ist ein wichtiger Zukunftsmarkt: Sie soll dekarbonisiert und damit klimaneutral werden. Insofern ist das Unternehmen auch ein wichtiger Partner für viele Städte und Gemeinden bei der Umsetzung der kommunalen Wärmewende. Viele Projekte laufen im Moment noch mit angezogener Handbremse, weil man zunächst abwarten möchte, wie sich die energiepolitischen Rahmenbedingungen entwickeln.
Um auch zukünftig genügend Fachkräfte zu haben, wurde die Ausbildung gerade komplett neu aufgestellt. Für den gesamten Konzern gibt es jetzt eine eigene Ausbildungsabteilung. Die Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich erfolgt in der Ausbildungsstätte in Herne, 31 Auszubildende lernen dort zurzeit. Die kaufmännischen Berufe werden in Essen ausgebildet. Aber auch Mitarbeiterbindung ist das neue Recruiting.
Das sagt Steag Iqony
Steag Iqony zeichnet sich durch vielfältige Berufs- und Tätigkeitsfelder aus. Seit Jahren werden die Kraftwerksstandorte weiterentwickelt. Ziel ist eine Weiternutzung der Standorte nach dem Ende der Steinkohleverstromung, etwa durch den Bau klimaneutraler Gaskraftwerke oder zur Erzeugung grünen Wasserstoffs. Man ist sehr darum bemüht, Arbeitskräfte zu halten und gezielt zu fördern.
Unser Fazit
Die starke Mitbestimmung macht Steag Iqony zu einem guten Arbeitgeber. Auch der neue Eigentümer hat verstanden, dass es nur gemeinsam geht. Durch den Kauf des Unternehmens als Ganzes hat Asterion den Beschäftigten aus beiden Teilkonzernen – Steag Power und Iqony – neue Zukunftsperspektiven eröffnet. Außerdem will das spanische Unternehmen kräftig investieren. Der Tatsache, dass das fossile Geschäft ein Ablaufdatum besitzt, ist sich das Unternehmen bewusst und widmet sich deshalb verstärkt den regenerativen Energien. Den Beschäftigten bietet Steag Iqony zahlreiche Benefits und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.
Quellenhinweis: Dieser Arbeitgebercheck basiert auf Recherchen bei Beschäftigten, Betriebsräten, Vertrauensleuten sowie Betriebsbetreuerinnen und -betreuern der IGBCE. Die zusammengetragenen Informationen sind aus Gründen des Quellenschutzes bewusst anonymisiert. Jede Angabe kann jedoch konkret bestimmten Quellen zugeordnet werden. Zudem wurden öffentlich zugängliche Quellen einschließlich der Angaben des Unternehmens selbst genutzt.